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Tango DJing 1.0: Vorwort

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Ich tanze Tango seit den späten 80ern, zuerst als Schüler von Fabiana, dann unter Nicole y Ricardo und habe einiges von der Milongaszene weltweit gesehen, darunter Milongas in Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Holland, Spanien, Polen, Singapur, Thailand, Dubai, Australien, Neuseeland, USA und natürlich Buenos Aires. In allen diesen Milongas waren zwei Dinge für mich wichtig: die Menschen und die Musik. Ohne diese beiden Zutaten gäbe es keine Milonga. Glücklich macht mich in einer Milonga die Nähe zu meiner Tanzpartnerin in der Umarmung, die tiefe der persönlichen Kommunikation im Tanz, das tiefe Eintauchen in die Musik, der Rhythmus des Klaviers, die innige Umarmung des Kontrabass und die musikalische Vielfalt von Geigen, Bandoneons und der Stimme des Sängers, das Klagen der Contrecanti und das Peitschen der Synkopierungen, die Vielfalt der musikalischen Persönlichkeiten, Stile und Emotionen. Worte können das kaum beschreiben. All das wird präsentiert von den besten Orchestern der EDO und kontrolliert von einer einzigen Person – dem DJ !

Ein Standardbuch für DJs heisst “last night a DJ saved my life” (herausgegeben 1999 von Bill Brewster and Frank Broughton) [1]welches an einen alten Titel von Indeep aus 1982 anspielt. Dieses Buch behandelt eigentlich die Geschichte des DJing im 20. Jahrhundert, aber der Titel steht für das, was ein DJ in einer Milonga ausrichten kann (auch wenn das Buch nichts mit Tango zu tun hat). Ein DJ kann eine ansonsten langweilige Milonga gestalten und aufpeppen oder er kann eine top besuchte Spitzenmilonga komplett verderben. Das macht den DJ so populär und lässt in uns allen den Wunsch aufkommen, einmal dort an den Reglern zu stehen (oder zu sitzen).  Andere Menschen erkennen die damit verbundene Verantwortung und halten sich hier lieber zurück. Ich mache manchmal böse Witze über die Tatsache dass sich manchmal Leute für diese Aufgabe qualifiziert fühlen nachdem sie ihre zweite Tango CD gekauft haben (meist der Soundtrack zu „The Tango Lesson“). Einerseits ist da sicher was dran, andererseits ist das natürlich wirklich böse (und ich entschuldige mich dafür). Es gibt halt viele Milongas auf dieser Welt und nicht alle davon sind >500 Gäste Milongas mit einem Profi DJ. Eigentlich sind die weitaus meisten Milongas kleinere Veranstaltungen mit weniger als 20-40 Gästen. Solche Milongas werden von kleinen Clubs ausgerichtet, meist liebevoll dekoriert aus der tiefsten Tango Seele. Die Menschen dort sind nett, offen und stets gastfreundlich den gelegentlichen Besuchern gegenüber (ich habe diese Gastfreundschaft sehr oft genossen und empfinde in meinem Herzen stets Sympathie und Freundschaft für diese Tango Gemeinschaft). Die meisten dieser kleinen Milongas haben kein Geld um einen DJ zu engagieren, also wird jemand aus dem Club gebeten oder freundlich gezwungen diese Rolle auszufüllen. Eigentlich dauert es eine lange Zeit bis man sich in dieser Rolle zurechtfindet, das Wissen um die Hintergründe und Musik anzureichern. Gute DJs müssen reifen wie ein guter Wein. Ich begann meine DJ Karriere in einem Tanzclub und später als Übungsleiter und Trainer für Standardtanz, Lateinamerikanischem Tanz und Tango, habe sie dann auf Tanzveranstaltungen und Partys an einer deutschen Hochschule fortgeführt. Ich hatte viel Zeit, in die Rolle des Tango Dj hineinzuwachsen und das in einer Zeit, als die Durchdringung des Internet noch nicht allumfassend war und man sich das Tangowissen noch aus Büchern anlesen musste. Für eine Tutorial wie dieses hätte ich damals viel gegeben.

Jetzt habe ich viel Zeit meine (nicht immer konforme und oft auch unbequeme) Meinung in diesem Blog auszuschütten und weil mein Beruf als Hochschullehrer das Lehren zu einem Teil von mir gemacht hat, kommt hier nun mein Senf zum Tango DJing.  Tango DJing hat wenig zu tun mit normalem Club-DJing. Es gibt hier kein scratching, hein beat matching, blending, sampling und was heute noch so üblich ist. Der Tango DJ muss dafür mehr als 80 Jahre Tango Musik und Kulturgeschichte verinnerlicht haben, er muss sich mit Musik auskennen (Wörter wie Synkope, Rubato etc. müssen ihm geläufig sein) und der kulturelle Hintergrund des Tango und idealerweise auch Grundbegriffe der spanischen Sprache würden ihm gut anstehen.

Dieses kleine Tutorial handelt von den grundlegenden Dingen und richtet sich nicht an die internationalen Superstars der Szene, sondern an die Helden in kleinen Tango Clubs, die gefragt, gebeten, gezwungen oder gelassen werden uns die Musik zu bereiten, damit wir in den Himmel hineintanzen können.

Das Tutorial basiert auf frühere Blogs, die ich im Rahmen des Umbaus dieser Seite hin zu Zweisprachigkeit überarbeitet habe und einem logischeren und stringenteren Konzept unterworfen habe. Hier also die zweite Revision meines Tutorials, welche ich der Tango Gemeinschaft widme.

Also auf zum Weg vom „bedroom DJ“ zum souveränen Milonga DJ. Wenn ich also das nächste mal in Deine Milonga komme, bitte rette mir das Leben oder zumindest den Abend.

Mit vielen Tango-Grüßen,

 

-Richard (DJ Ricardo)

 

P.S.: An dieser Stelle ein kleiner, dankbarer Gruß an meinen ehemaligen Mentor: DJ Didi aus Gießen.

 

1 https://en.wikipedia.org/wiki/Last_Night_a_DJ_Saved_My_Life_%28book%29

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