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Tango DJing 1.1: El Código de Milonga

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Die Milonga und der DJ – Eine geregelte Sache

Alles klar. Du hast jahrelang Tango gelernt, Tango Musik gekauft, kennst alle grossen und kleinen Orchester und evtl. hast Du auch schon einmal eine Milonga woanders (in Buenos Aires sogar ?) besucht? Jetzt fragt Dich dein Verein, ob Du nicht einmal für die nächste Veranstaltung Musik auflegen willst. Welche Ehre! Wer könnte geeigneter dafür sein abgesehen von den (wenigen bis vielen) professionellen DJs?
Leider muss man einige Dinge wissen und berücksichtigen, bevor man sich hinter das Mischpult begibt. Manche dieser Dinge sind rein technisch, andere gehören zum einfachen Tango Wissen, manche wird man erst lernen, wenn man sich darauf einlässt. Dies ist der erste Teil einer kleinen Serie über das DJing, welche ich vor 3 Jahren begonnen habe. Warum? Ich DJe seit 2004 und habe selbst bereits fleissig alle Fehler gemacht, die möglich sind. Ich möchte angehenden DJ-Kollegen eine Hilfestellung geben, damit sie weniger Fehler machen, am Beispiel lernen und ihren eigenen Stil entwickeln können. Als DJ bin ich ein kleines Licht und kann nicht mit den Großen dieses Business mithalten, aber wie einer meiner Tango Lehrer so schön sagte: „Wir alle sind auf einer wunderbaren Reise….“ Noch zur Information: Basis dieses Blogs ist meine Serie beginnend in 2013, welche ich gerade zu Version 2 aktualisiere. Die erste Version erschien ausschließlich in Englisch, jetzt übersetze ich die neue Überarbeitung nach Deutsch.

Für eine gute Milonga (das ist die formale Tanzveranstaltung für den Tango) ist es extrem wichtig gute Musik zu spielen. Damit Tänzer die Veranstaltung genießen können muss die Musik gut sein, denn sie ist die Grundlage, die alles zusammenbindet. Der DJ ist also (mal abgesehen von unserem/r verehrten Tanzpartner/in) der zweitwichtigste Mensch des Abends. Ein DJ sollte die Strukturen der Milonga kennen und die Musik als Mittel verstehen, die Leute auf die Tanzfläche zu locken und trotzdem Musik in einer strukturierten Weise spielen, angepasst an die reale Situation auf der Fläche. Milonga und Musik sind beim klassischen Tango sehr strukturiert, was uns direkt zur Struktur der Milonga führt.

Die Milonga
Eine Milonga ist eine sehr traditionelle Tanzveranstaltung. Die Meisten Veranstalter weltweit halten sich hier mehr oder weniger an die Traditionen die heute noch in Buenos Aires gepflegt werden.
Hierfür wird die Musik in Tandas strukturiert, wie meist 3-4 Musikstücke beinhalten. Tandas werden getrennt mittels einer Cortinas, einem kurzen Musikstück bestehend aus NonTango Musik welche Ende und Beginn einer Tanda signalisiert. Das macht Sinn, weil typischerweise Tänzer eine Tanda mit einem Partner tanzen wollen und sich dann trennen um eine weitere Tanda mit einem anderen Partner zu tanzen. Bei diesem System ist der DJ zuständig, die passenden Songs für die Tanda und die Cortina auszusuchen. Stücke für eine Tanda sollen zusammengehören, und in den Kriterien von Stil, Geschwindigkeit und Spannung zusammen harmonieren. Tänzer wollen nicht dass innerhalb einer Tanda der Stil wechselt, z.B. von einem stimmungsvollen DiSarli zu einem Neotango. Dies liegt daran, dass sich Tänzer ihre Partner teilw. entsprechend der Musik aussuchen. Als DJ sollte man die Musik also vorhersehbar gestalten. Die Tanda sollte die richtige Länge haben und einen deutlichen Start und deutliche Endpunkte haben. Üblich sind Tandas von 3-4 Tangos und 2-3 Milongas und Valses. Für alternative Stile kann sich das ändern, z.B. sind viele Neotangos sehr lange und damit könnte auch eine Tanda mit 2 Stücken gerechtfertigt sein. Eine Cortina ist typischerweise nicht tanzbar (wenn sie es ist, wird sie auch getanzt werden). Während der Cortina sollte sich die Tanzfläche komplett leeren, damit später das Mirada/Cabeceo System funktioniert. Es ist jedoch Sache des DJ, ob er das traditionelle Cortina System bevorzugt oder ob er gar keine Cortinas spielt. Ich persönlich spiele eine Cortina pro Abend mit nicht tanzbarem Rhythmus.
Die richtigen Stücke für eine Tanda zusammenzustellen ist eine Kunst und Geschmackssache. Hier sollte man möglichst nicht das Orchester wechseln (das wäre eine gemischte Tanda) und man sollte im gleichen musikalischen Stil (und Epoche) bleiben. Leider haben manche traditionellen Orchester (z.B. DiSarli) ihre Stile mehrfach gewechselt, so dass ein guter DJ darüber Bescheid wissen sollte. Unüblich ist es auch, Tandas mit mehreren verschiedenen Sängern zu gestalten. Manche DJs gehen so weit, dass sie nur Stücke des gleichen Orchesters mit dem gleichen Sänger aus der gleichen Aufnahmesitzung kombinieren. Mehr zur Zusammenstellung von Tandas später in dieser Reihe.

Dance+with+us
Picture 1: Local Milonga in Cairns

In einer Milonga gibt es festgeschriebene Traditionen. Das letzte Lied sollte immer “La Cumparsita” sein, welches ansonsten nicht gespielt werden sollte. Manchmal besteht die gesamte letzte Tanda aus verschiedenen Aufnahmen von “La Cumparsita”. So weiss jeder Tänzer sofort und ohne Ansage, dass dies die letzte Tanda ist (weil manchmal Tänzer diese für besondere Partner reservieren). In meinen Milongas ist das letzte Stück immer die Aufnahme von Carlos Gardel, nicht um sie zu tanzen, sondern um zu gedenken. Damit weiss auch jeder, dass jetzt die Milonga vorbei ist. Entsprechend der Stimmung kann die Letzte Tanda sehr lange werden, wenn das Publikum Zugaben wünscht (auch alles Versionen von “La Cumparsita”).
Es gibt auch andere Regeln (Códigos). So soll es Unglück bringen „Adios Muchachos“ zu spielen, weil das der letzte Song von Gardel sein soll (stimmt nicht). Stücke von Gardel werden mit der beschriebenen Ausnahme generell nicht gespielt. Desgleichen wird kaum Musik von Piazzolla gespielt, weil dieser stets betonte, dass seine Musik zum hören und nicht zum tanzen ist. Das mag sich in Zwischenzeit geändert haben, nichtsdestotrotz spiele ich üblicherweise keine Piazzolla Stücke. Es gibt noch Gerüchte, dass in Buenos-Aires keine weiblichen Sänger gespielt werden. Ich kann das aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Es würde auch nicht die besondere Bedeutung dieser Künstler entsprechen. In BsAs ist es aber z.B. üblich, dass Tandas mit anderer Tanzmusik (Salsa, RocknRoll) vereinzelt gespielt werden.

Der generelle Musikstil auf einer Milonga antspricht der Nachfrage durch die Tänzer und den Vorgaben durch die Veranstalter. Viele Tänzer mögen die Musik der EDO (Epoca de Oro), andere lieben Neotango oder moderne Tango Orchester (Color Tango oder OT Fernandez Fierro). Es ist hier die Aufgabe des DJ, eine Mischung für jedermann vorzubereiten. Er wird jedoch nie alle Tänzer glücklich machen können. Ich persönlich mache mit dem Veranstalter eine Vereinbarung, welchen Mix ich spielen soll und korrespondiere das dem Publikum (z.B. 50% EDO, 20% Modern, 20% Neotango, 10% Nontango) vorweg. Spielt man Neotango oder Nontango Musik, kann das ein durchschlagender Erfolg werden oder eine Milonga ruinieren. Hierbei ist es immer schwierig, ob Nontangos als Tango durchgehen, manchmal kommt auch eine einsame Tanda Salsa oder Bachata gut an, um die Stimmung aufzuheizen.

Milonga2
Picture 2: Milonga in Buenos Aires

Die Tänzer wollen Spass beim Tanzen haben. Es ist wichtig für einen DJ, auch Stücke zu spielen, die bekannt und beliebt sind. Wenn ein DJ also Stücke wie „El Flete“ oder „Poema“ spielt (die er wohl selbst nicht mehr hören mag), dann liegt das daran, dass sie gerne nachgefragt werden. Der DJ muss also eine Balance zwischen diesen Evergreens und den 10 neuen CDs aus BsAs mit seltenen Sammlerstücken finden. Die Arbeit des DJ zielt auf das Publikum und nicht auf den (aktuellen) persönlichen Geschmack des DJ.

Der DJ
Es ist die Aufgabe des DJ, die Tanzfläche zu füllen. Das bedeutet, dass der DJ beobachten und kontrollieren muss, was gerade passiert. Hier gibt es sowas wie „Spannung“. Ist die Tanzfläche leer, ist die Spannung niedrig, ist die Tanzfläche berstend voll, ist die Spannung hoch. Ein guter DJ kann mit dieser Spannung spielen und sie kontrollieren. Die Spannung kann nicht unendlich gesteigert werden, also erzeugt der DJ Spannungsbögen durch seine Auswahl der Musik. Auch das wird noch zu diskutieren sein.
Es gibt hier viele verschiedene Arten zu DJen. Einige DJs spielen stets entsprechend der Situation und wechseln auch aprupt die Orchester. Einige DJs gestalten die Milonga wie eine Geschichte und wechseln die Stile langsam und in Wellen.
Ich persönlich konstruiere gerne meine Milongas als Erzählung und wechsele meinen Plan nur, wenn es wirklich notwendig ist. Wenn ich also eine Milonga DJe, die auf drei Stunden angesetzt ist, habe ich bereits eine Playlist von exakt 3 Stunden vorbereitet. Die durchschnittliche Vorbereitungszeit entspricht hier ungefähr der geplanten Dauer.
Um zusammen zu fassen: Der DJ legt nicht planlos CDs in den Player, sondern er gestaltet und kontrolliert. Er ist der Meister der Milonga und hat demnach Einfluß und Verantwortung. Eine Milonga kann komplett ruiniert werden, wenn schlechte Musik gespielt wird. Ein DJ muss Spezialist für Tango Musik mit gutem Geschmack sein. Er muss aber auch in der Lage zu sein, das nötige Wissen um Musik in der Gemeinschaft zu vermitteln.

Was ist also ein DJ ? Nur jemand der Musik spielt. Kann sein, dass es nur ein Clubmitglied ist, der ein paar CDs auf einer Practica anwirft oder ein Profi, der für mehr als 100 Personen auflegt und damit Geld verdient. Wenn die Rede von Geld geht. Ich habe nie in meinem Leben auch nur einen Cent als DJ verdient, abgesehen von ein paar Drinks und gelegentlich etwas Futter oder einem geringen Betrag, der gerade mal meine Fahrtkosten deckt. Profis verdienen für Großveranstaltungen evtl. etwas Geld, das reicht aber meist nicht um davon zu leben. DJs dienen der Gemeinschaft. Wenn man aber als DJ ein Entgelt bekommt, sollte man sich auch professionell verhalten. Dann ist es m.E. nicht in Ordnung, wenn man nur eine Playlist abnudeln lässt und zwischendurch fleissig mittanzt.

In den nächsten Artikeln werde ich über die Hardware sprechen, die für das DJen von Veranstaltungen jeder Größe nötig ist.

Abrazos,

-Richard (DJ Ricardo)

Ricardo

P.S.: Ich verwende in meinen Texten die Begriffe DJ und Tanzpartner geschlechtsneutral. Den Begriff DJane mag ich überhaupt nicht. Wer Tippfehler findet, darf sie ausdrücklich behalten. Ich wohne seit einigen Jahren in einem englischsprachigen Land und habe mich leider merklich von der deutschen Sprache und Grammatik fort entwickelt, das bitte ich zu entschuldigen.

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