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Tango DJing 3.3: Die Kunst der Tanda Konstruktion

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Gehen wir zusammen auf eine Milonga. Ich persönlich bin hier etwas schwierig, weil ich mir meine Tanzpartnerinnen oft (und selbstverständlich auch mit deren Einverständnis) nach dem Charakter der Musik (und dem der betreffenden Dame) aussuche. Dementsprechend bin ich aufgebracht, wenn eine Tanda romantisch beginnt, sich dann aber in etwas völlig Anderes entwickelt. Ich möchte – wie viele andere Milongueros auch – also meine Musik vorhersehbar. Deshalb ist vor langer Zeit das System Tanda/Cortina erfunden worden. Als DJ wird von mir erwartet, dieses zu verwenden und ich halte mich daran, unabhängig vom Format der Milonga, sogar für Practicas. Eine Tanda ist ein Packet von 3-5 Musikstücken welches etwa 10-15 Minuten dauert und in sich musikalisch, charakterlich homogen ist. Cortinas sind nur Signale für die Tänzer, dass die Tanda zu Ende ist und eine neue Tanda bevorsteht. Schauen wir uns dieses System etwas genauer an:

  1. Cortina

In einer sehr traditionellen Milonga wird erwartet, dass nach der Tanda die Paare die Tanzfläche verlassen und sich für die neue Tanda fertig machen für das beliebte Cabeceo Spiel. Im alten Buenos Aires (und nicht nur damals) wurden die Cabeceos über die Tanzfläche hinweg ausgetauscht. Personen auf der Tanzfläche störten also diese visuelle drahtlose Kommunikation. Also wurde die Cortina als (mehr oder weniger) untanzbare Musik zwischen den Tandas gespielt. Cortinas können in Buenos Aires und für großere Tanzflächen sehr lang sein (1-1.5 Minuten) damit wirklich die ganze Tanzfläche leer ist. Interessanterweise gibt es heutzutage Bestrebungen auch in Europa zu diesem System zurückzukehren. Ein DJ ist generell der Zeremonienmeister und sollte sich den Gegebenheiten und Gepflogenheiten der (lokalen) Milonga anpassen. Rechnet man bei einer längeren Milonga mit ca. 6 Tanda Zyklen (36 Tandas und 35 Cortinas) so verbringen die Gäste fast eine halbe Stunde mit dem Anhören von Cortinas. Der DJ sollte die Cortina also so kurz machen, dass gerade die Tanzfläche nennenswert geräumt wird. Ich habe hierzu Cortinas zwischen 20 und 60 s um mich an diese Situation anzupassen. Im Hinblick auf den Codigo (Milonga Etikette) ist das Tanzen der Cortina wirklich schlechtes Benehmen, es gibt aber immer wieder Ignoranten die dies nicht wissen. Es ist also Aufgabe des DJ, eine wirklich untanzbare Musik zu spielen. Andere Regeln gibt es nicht. Es bleibt dem Geschmack des DJ überlassen, ob er einen jazzigen Swing oder die Titelmelodie zu „Game of Thrones“ als Cortina spielen will. Ich schneide meine Cortinas zu Hause auf die entsprechende Länge und schaue, dass ich eine einigermassen vollständige musikalische Phrase dafür aussuche. Die Cortina ist eine Gewöhnungssache (Dressurakt ?), bei welcher sich das Publikum meist drei oder vier Tandas an die Cortina anpassen muss. Ich persönlich spiele eine gute Cortina pro Abend. Manche DJs verwenden eine pro Tanda Zyklus, manche wechseln nach jeder Tanda. Ich möchte hier nicht zu sehr werten, aber beim letzteren Vorgehen mit >30 neuen Cortinas, fühle ich als Milonga Gast irritiert.

Sollte überhaupt eine Cortina gespielt werden? Manche Tango DJs spielen keine und sie geben auch gute Gründe dafür an. Für offizielle Milongas spiele ich stets Cortina, nicht so für Practicas und Neolongas. Ich bleibe aber stets beim Tanda-System.

 

 

  1. Tandas

Eine Tanda ist eine homogene Gruppe von 3-5 Musikstücken. Generell sollte man Gruppen von 4 Tangos, 3-4 Valses und 3 Milongas konstruieren. Nur für sehr kurze Milongas bevorzuge ich auch für Tangos Dreiergruppen um eine größere Vielfalt an Charaktern in der Milonga zu präsentieren. Bei sehr langen Neotangos können auch schon einmal zwei Musikstücke genug sein um die generelle Zeitvorgabe von 10-15 Minuten pro Tanda einzuhalten.

Abgesehen von der Homogenität der Tanda gibt es keine anderen Regeln und die können jederzeit ohne Grund gebrochen werden.

Ein DJ sollte sich stets daran erinnern, dass seine Aufgabe darin besteht, Paare auf die Tanzfläche zu bringen. Die übliche Strategie ist hierfür, zu Beginn einer Tanda einen starken und kraftvollen Titel zu spielen, der die Menschen auf die Tanzfläche bringt, ohne Rücksicht darauf wie müde sie schon sind.

Ein weiterer kraftvoller Titel soll die Menschen am Ende einer Tanda mit einem guten und befriedigendem Gefühl entlassen. Die übrigen Titel (Nummer 2 und 3) können daher schwächere Titel sein. Das ist allgemeingültiges Wissen, das Prinzip kann aber geändert werden, insbesondere, wenn eine Tanda zwischen zwei Charaktern überleiten soll. Ich persönlich ändere meine Tandas entsprechend meiner Strategie und den Anforderungen auf der Tanzfläche. Wenn ich z.B. die Energie reduzieren möcht, starte ich mit einem starken Titel und entwickle die Tanda hin zu weniger energetischen Stücken, aber stets innerhalb des gesetzten Charakters.

Bei der Konstruktion der Tanda bleibe ich stets homogen im Charakter. Der einfachste Weg ist hier, nur ein Orchester mit dem gleichen Sänger aus der gleichen Zeitperiode zu verwenden. Manche DJs gehen so weit und streben Stücke aus der gleichen Aufnahmesitzung an, was für mich nur schwer durchzuhalten erscheint. Schauen wir auf ein Beispiel. Ich liebe frühe DiSarli Tangos aus der Zeit des Sextetos (1928-1932). Diese habe wunderbar einfache Rhythmen und liebenswerte Contrecanti. Also möchte ich eine Tanda mit Ernesto Fama als Sänger konstruieren und wähle als erstes zwei starke Stücke aus: Chau Pinela und Flora, als nächstes zwei eher schwächere Stücke, hier: La Baguala und La Estancia. Auch wenn diese Stücke allen Kriterien für den gleichen Charakter entsprechen, so beginnen die starken Stücke doch mit einem eingängigen Rhythmus und die schwächeren eher mit einem eher romantischen Geschmack. In einer rhythmisch orientierten Phase der Milonga wähle ich also eher die starken Stücke für die Plätze 1 und 4 aus. Bei einem Blick auf die Geschwindigkeit fällt auf, dass La Baguala das langsamste Stück ist, welches ich daher an Position 3 setze um den Kontrast zu Flora zu verstärken, diesen Kontrast zeigt auch die Tonalität, auf die ich hier aber nicht näher eingehen möchte. Meine Tanda wäre also:

 

Chau Pinela (1930)           Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                   124 BpM              Gbm

La Estancia (1930)            Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                   128 BpM              Bb

La Baguala (1931)              Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                   117 BpM               D

Flora (1930)                        Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                   127 BpM              Ab

 

Diese Tanda ist homogen, was hier einfach zu erreichen war. Schwieriger wird es bei gemischten Tandas. Tandas mit mehreren Sängern sind extrem schwierig zu konstruieren. Im Zweifelsfall ist es leichter, Instrumentaltitel hinzuzufügen. Als Beispiel wollen wir die obige Tanda mehr im Charakter der Starken Stücke ergänzen. Hierzu kombinieren wir zwei Instrumentalstücke, die m.E. diesen Charakter gut ergänzen, hier No Cantes Victoria und Anorandote, beides Evergreens vom Album (Carlos Di Sarli – Las primeras grabaciones). In der letzten Milonga hab ich festgestellt, dass Chau Pinela als Einstiegstitel gut funktioniert, also belasse ich das und kombiniere Flora als zweiten Titel dazu. Anorandote wird als starker Song Platz vier und es bleibt platz drei für No cantes Victoria:

 

Chau Pinela (1930)            Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                  124 BpM              Gbm

Flora (1930)                        Carlos Di Sarli(Sexteto)-Ernesto Fama                  127 BpM              Ab

No cantes Victoria (1930) Carlos Di Sarli(Sexteto)                                            128 BpM              Ab

Anorandote (1930)             Carlos Di Sarli(Sexteto)                                            130 BpM              Em

 

Dieses Beispiel soll zeigen, dass eine gemischte Tanda mitunter den Charakter stabil halten kann. Probleme, die eine gemischte Tanda erfordern sind aber oftmals viel einfacher. Als Beispiel eine Vals Tanda, die meinen Lieblingsvals Loca de Amor von Biagi und Ibanez beinhalten soll. Eine Suche in meiner Datenbank offenbart nur drei Valses mit Biagi und Ibanez:

Lejos de ti (1938), Viejo Porton (1938) and Loca de Amor (1938)

Also brauche ich einen Vals möglichst aus der gleichen Zeit der hierzu passt. Meine Wahl hier ist Dichas que vivi von Biagi mit Falgas, der auch als starker Titel identifiziert werden kann. Ich lasse also die Ibanez Titel zusammen beginnend mit Loca de Amor und beende mit Falgas:

 

Loca de Amor (1938)                     Rodolfo Biagi/Teofilo Ibanez                     110 BpM              Db

Lejos de ti (1939)                            Rodolfo Biagi/Teofilo Ibanez                     113 BpM              G

Viejo porton (1938)                       Rodolfo Biagi/Teofilo Ibanez                     109 BpM              Ab

Dichas que vivi (1939)                   Rodolfo Biagi/Andres Falgas                      108 BpM             Bm

 

Beim Vals ist es jedoch generell einfacher, gemischte Tandas zu konstruieren.

 

  1. Wo bekommt man Ideen für Tandas ?

Heutzutage gibt es viele Resourcen für Tandas im Internet. Für Anfänger wie Fortgeschrittene ist die Liste von Tandas von Stephen Brown eine ergiebige Quelle der Inspiration [1], insbesondere, weil Stephen seine liste nach Charakteren geordnet hat und fast die ganze Tango Geschichte überspannt, von der Guardia Vieja bis hin zum Neotango. Eine weitere Quelle der Weisheit ist der Blog von DJ Antti Suniala [2], welcher die „Tanda of the week“ herausgibt. Hier gibt es Tandas von ihm und anderen DJs, oft mit Erklärung und Hintergrundwissen. Ein Artikel beschäftigt sich auch mit der Tanda Konstruktion [3]. Andere Tandas der Woche gibt es auf Youtube, insbesondere von DJ Yüksel [4].

Alle diese erfahrenen DJs teilen ihre Tandas mit der Tango Gemeinde als Resource für bessere Tangomusik auf Milongas. Für den lernenden DJ wäre es hier also sehr einfach, alle diese Beispiele einfach in die eigenen Playlists einzufügen. Ich gebe zu, dass auch ich einige gelungene Tandas in meiner Datenbank habe, aber ich habe stets gemischte Gefühle, wenn ich fremde Tandas spiele. Zunächst steht hinter jeder Tanda auch etwas wie intellektuelles Urheberrecht, auch wenn sie explizit freigegeben sind. Zweitens, wurden diese Tandas stets für eine bestimmte Situation und Zielgruppe geschaffen, sie müssen also nicht zwangsläufig in einer anderen Milonga funktionieren. Ich glaube daher, es ist ein besserer Ansatz, von diesen Tandas zu lernen, sie zu verstehen und dann mit diesem Wissen die eigene Sammlung zu durchforsten und ähnliche Tandas zu konstruieren. Dabei lernt man, Tandas zu schaffen und ebenso diese mal eben schnell während der Milonga „on the fly“ zusammenzustellen. Nebenbei bemerkt, hab ich öfter mit befreundeten DJs meine Tandas verglichen und dabei festgestellt, dass sie sich oft sehr genau gleichen und häufig aus den gleichen Liedern bestehen…..

 

  1. Evergreens und verborgene Schätze

Auf manchen Blogs ist es guter Ton, auf Poema herumzumäkeln, weil das der am häufigsten nachgefragte Titel ist, obwohl ich keinen DJ kenne, der das noch hören mag. Ich spiele trotzdem gerne Poema auf meinen Milongas.

Neben Poema gibt es noch mehr Lieder, die immer wieder gepielt oder nachgefragt werden. Ich nenne diese Evergreens. Einer Umfrage von TangoTecnia zufolge [5] sind die 10 weltweit am meisten gespielten Tangos diese:

 

 

1 Poema

2 Bahia Blanca

3 Desde el Alma

4 Paciencia

5 Sonar y nada mas

6 Recuerdo

7 Milonga de mis amores

8 Remembranzas

9 Nada

10 La Mariposa

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie lieber Leser alle diese Stücke kennen. Für einen DJ ist es stets gut, Evergreens zu spielen, weil diese Tänzern sowohl tänzerisch als auch emotional Sicherheit vermitteln. Wir DJs sind aber häufig auf der Suche nach neuen und seltenen Titeln und Interpreten. Ich nenne diese „verborgene Schätze“, insbesondere wenn sie in eine Milonga passen und zudem tanzbar sind. Das ist auch kein Problem, sofern man als DJ eine gute Balance zwischen Evergreens und „verborgenen Schätzen“ findet. So schön ein Tango von Rafael Canaro oder ein Vals von Pepe Aguirre auch sein mag, nicht jeder in der Milonga ist evtl. dieser Meinung. Für mich liegt eine gute Balance bei 60% Evergreens, 30% bekannten Orchestern und 10% „verborgenen Schätzen“.  Einer Schätzung von DJ Atti Suniala zufolge, werden die meisten Stücke in den Milongas auf der ganzen Welt aus einem Pool von ca. 200-300 Stücken ausgewählt [3].

Im nächsten Blog geht es um die musikalische Strategie in einer Milonga.

Herzlichst,

 

-Richard (DJ Ricardo)

 

 

1             http://www.tejastango.com/tandas.html

2             http://tandaoftheweek.net

3             http://tandaoftheweek.blogspot.com.au/p/tips-for-djs

4             http://tangoroute.com

5             http://tangoclay.us/pdf-tc/Report%202014.pdf

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