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Tango DJing 3.4: Die musikalische Strategie für eine Milonga

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Alle diese vorher besprochenen Details sollen also nun zu einer Milonga zusammenmontiert werden. Dies ist die grundlegende Frage, der sich jeder DJ bei der Planung einer Milonga stellen muss. Auch hierfür gibt es keine Regel, ausser, dass üblicherweise in Tanda Zyklen gespielt wird, um die Häufigkeiten von Tangos, Valses und Milongas auszubalancieren. Tango wird üblicherweise gerne getanzt, Vals erfreut sich ebenfalls hoher Popularität, bei Milongas werden die Paare jedoch schneller müde, daher sind die Milonga Tandas auch meist kürzer. Empfohlen wird ein Tanda Zyklus von TTVTTM, d.h. es folgt eine Vals Tanda auf zwei Tango Tandas und dann dasselbe für die abschließende Milonga Tanda. Ein solcher Tanda Zyklus dauert bei üblich langen Tandas zwischen 75 und 90 Minuten. Ich persönlich finde, dass eine Vals Tanda eher als Bindemittel zwischen verschiedenen Charakteren geeignet ist, daher spiele ich meine Zyklen zumeist TTMTTV, was üblicherweise nicht weiter auffällt.  Es gibt meiner Erfahrung nach zwei grundlegende Strategien für einen Tango-Abend:


1. Kontinuierliche Steigerung der Energie.

Der typische Tango Abend beginnt mit Anfängern, die möglicherweise aus einem vorgeschalteten Kurs kommen (Veranstalter nutzen meist die gemietete Halle gut aus). Anfänger mögen unkomplizierte Musik mit deutlichem Rhythmus, eher langsam, instrumental und ohne komplexe Synkopierungen was gut in die Kategorie „Weicher Rhythmus“ fällt. Fortgeschrittene Tänzer kommen später am Abend (seltsam, das ist überall auf der Welt so) und lieben komplexere Musik mit Sänger und farbenfrohen synkopierten Rhythmen und Spielraum für interpretatives Tanzen. Später werden die romantischeren Stücke erwartet und viel später kommt noch das dramatische Genre zum Zuge. Für den DJ ist es also einfach, genau in dieser Reihenfolge zu spielen. Von einfachen zu schnelleren härteren Rhythmen, über romantische Musik zum Drama entspricht einer kontinuierlichen Steigerung des Energiegehalts hin zu einem Höhepunkt. Danach lässt man die Energie üblicherweise mit ruhigen Musikstücken ausklingen. Normalerweise bleibt man bis zum Höhepunkt bei EDO Musik. Danach gibt es Raum für Experimente (wie z.B. Nuevo, NonTangos oder auch mal eine vereinzelte Tanda Salsa oder Bachata je nach Publikum).

Meiner Erfahrung nach eignet sich diese Strategie sehr gut für kürzere Milongas (bis ca. 3h), da hierbei das Programm durchlaufen werden kann, ohne dass Langeweile aufkommt. Die Kunst des DJ besteht hier, einen kontinuierlichen Übergang zwischen den Charakteren zu finden und dies an die Bedürfnisse/Wünsche der Tänzer anzupassen.

 

2. Kontrastierende Charaktere
Bei sehr langen Milongasist der vorganannte Plan aber nicht optimal, da z.B. bei einer 8 Stunden Milonga schnell Langeweile aufkommt, wenn man einen Charakter über längere Zeit spielt. Eine Idee könnte sein, Kontraste zwischen den Tandas aufzubauen, um die Tanzpaare immer wieder zu überraschen und eine Abwechslungsreiche Vielfalt zu präsentieren. Ein Tanda Zyklus könnte z.B. so aussehen:

T: D´Arienzo-Maure                     schneller Rhythmus
T: Troilo-Ruiz                                 melodisch
M:Canaro-instrumental               einfach und geradlinig
T:Calo-Beron                                  weicher Rhythmus
T:Di Sarli (50ies)-instrum.          lyrisch, weiches Drama
V:D´Agostino-Vargas                   verspielt, beschwingt

Kontraste können in vielerlei Hinsicht konstruiert werden, Tempo, Energie, Charakter, Zeit etc.

Der wirkliche Vorteil diese Methode ist die Möglichkeit, damit auch sehr lange Milongas (6-8h) zu meistern, ohne dass Langeweile aufkommt. Da die Tandas nicht aufeinander abgestimmt sind, ist es auch viel einfacher eine Playlist „on the fly“ zusammenzustellen und mit Gästewünschen und Problemsituationen auf der Fläche umzugehen.

 

3. Gemischter Ansatz

Ich verstehe hierunter eine Synthese aus beiden vorgenannten Strategien, also die Verwendung von kontrastierenden Tandas, allerdings mit dem Ziel eine Entwicklung mit einem (oder mehreren) Höhepunkten zu verfolgen. Ein langsamer Aufbau von Energie wird angestrebt, der sich dann in einem Tanda Zyklus mit überwiegend dramatischer Musik erhebt und danach wieder entspannen kann, evtl. mit dem Ziel eines weiteren Höhepunkts später. Ich persönlich mag einen solchen Ansatz für die wenigen längeren Gigs, die ich DJe.

 

Wie auch immer man seine Milongas gestalten möchte, es ist stets eine gute Idee, eine Strategie zu verfolgen, zumindest solange, bis man merkt, dass es nicht funktioniert und man einen Plan B benötigt. An dieser Stelle noch einmal meine Aufforderung zu flexibler DJ Arbeit, eine Sache, die ich nicht ohne extrem gute Organisation meiner Sammlung und auch nicht ohne Vorhörmöglichkeit verrichten kann.

Viele DJs planen eine Playlist zu Hause. Dies ist primär ein guter Ansatz, da man perfekt designte Tandas vorbereiten und diese zu einer wunderbaren Strategie zusammensetzen kann. Ich hab das auch über viele Jahre hinweg so getan, mich dann aber vielfach in der Situation wiedergefunden, dass während der Milonga einfach nur die Playlist lief. Das geht oftmals mehr oder weniger gut, bedeutet aber nicht, dass man genau dann ein guter DJ ist (weil die Playlist so gut war). Im Gegenteil, man ist kein DJ, denn ein DJ spielt nach der Realität (auf der Fläche). Ich gebe zu, dass auch ich stets mit einer vorbereiteten Playlist zum Gig erscheine, die wird aber seltenst so erklingen, denn ich wechsele gerne die Reihenfolge in meinen Tandas, oder füge komplett andere Tandas ein, manchmal wird auch der ganze Plan verworfen und ich assembliere mir eine vollständig neue Playlist vor Ort. Nicht, weil mir langweilig ist oder der schöne Plan des „Bedroom DJ“ in mir schlecht gewesen wäre, sondern einfach, weil es gerade nicht passt und ich auf meine Tänzer reagieren muss. Ich verwende seltenst auto cruise sondern ich starte meine Decks von Hand. Das ist es, was einen DJ ausmacht und was uns das Gefühl und die Sicherheit gibt, alles unter Kontrolle zu haben.

So long,

 

-Richard (DJ Ricardo)

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