The educated Tanguero

Essential Tango Knowledge

Hilfe – Ein Publikumswunsch !

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Als DJ arbeitet man am Abend seine Playlist oder seine Tandas aus der Datenbank ab. Was passiert aber, wenn plötzlich ein Gast erscheint und einen bestimmten Titel gespielt haben möchte ?

O jeh, das passt aber jetzt gar nicht ins Konzept!

Manche DJs lehnen daher Publikumswünsche mehr oder weniger kategorisch ab („I am a DJ and not a Jukebox!“). Manche stellen auch ein Schild auf:

Publikumswünsche:  Poema 20$, Paciencia 10$, all others 5$

Andere reagieren auf Publikumswünsche entsprechend der Persönlichkeit des Gastes (netter Artikel hier: https://www.digitaldjtips.com/2011/03/dealing-with-dj-requests/). Ich gehe davon aus, freundlich gefragt zu werden, sind doch Tangueros und Tangueras alle höfliche Menschen (per definitionem).

Ich persönlich sehe jeden Publikumswunsch als eine professionelle Herausforderung an. Wie also vorgehen ?

Zunächst hier meine Vorgehensweise, die sich grob in drei Phasen aufteilt:

1 – Identifizierung und Verifizierung

Falls ich den Titel nicht sofort kenne, erfolgt erst eine Datenbankabfrage. Hierzu stelle ich zunächst die laufende Playlist auf Autocruise, bzw. stelle sicher, dass ich bei der Planung mindestens 2-3 Tandas voraus bin. Danach erfolgt die Suche des gewünschten Titels in der Datenbank. Über die Vorhörfunktion wird ggf. der Gast gebeten, das Stück zweifelsfrei zu identifizieren (Kopfhörer). Dies jedenfalls nur, wenn das gewünschte Stück auch tatsächlich in der Datenbank verfügbar ist. Unter Datenbank verstehe ich hier die Menge der lokal verfügbaren Musikstücke, welche in der Datenbank des DJ-Programms gespeichert und recherchierbar sind. Habe ich den Titel nicht, schreibe ich mir die Info in jedem Fall auf, es könnte ja eine neue und interessante CD sein. In diesem Fall ist der Publikumswunsch aber schon im Ansatz gestorben.

 

2 – Klassifikation nach Flavour sowie Tanzbarkeit

Es erfolgt nun eine schnelle Klassifikation des Stücks hinsichtlich der Tanzbarkeit. Ist diese nicht gegeben, werde ich höflich die Anfrage ablehnen. Bei tanzbaren Stücken versuche ich eine grobe Einteilung nach Flavour (rhythmisch, weicher Rhythmus, lyrisch, dramatisch), Geschwindigkeit und instrumental/vokal.

 

3 – Suche in der Tanda-Datenbank

Befindet sich das Stück in der Tanda-Datenbank, so erübrigt sich der nächste Schritt, während der Milonga eine Tanda zu konstruieren ist ein Stück Arbeit die mich vom eigentlichen Job ablenkt und in diesem Fall ziehe ich es vor eine bereits vorhandene und erprobte (?) Tanda zu verwenden.

 

4 – Erstellen einer „on the fly“ Tanda mit dem gewünschten Stück.

Habe ich das Stüpck nicht in der Tanda Datenbank, komme ich wohl nicht um die Konstruktion einer „on the fly“ Tanda herum. Unter diesem Anglizismus verbirgt sich die Tatsache, dass eine mal eben schnell zusammengewürfelte Tanda sicher nicht perfekt ist, muss sie aber für diesen Fall auch nicht sein.

Hierbei versuche ich passende Stücke des gleichen Orchesters zu finden, und daraus eine (zumindestens halbwegs) passende Tanda zusammenzustellen. Hilfestellungen sind hier die Geschwindigkeitsangaben im DJ-Programm und die Vorhörfunktion.

 

5 – Integration der neuen Tanda.

Hierbei schalte ich die Autocruise Funktion wieder aus und ersetze eine meiner geplanten Tandas mit dem gleichen Flavour mit der neu konstruierten Tanda.

Dieser Vorgang kann schnell und einfach sein oder etwas mehr Zeit und Aufwand  kosten. Ich habe hierzu zwei Beispiele:

 

A. Der Gast fragt nach „Fru-Fru“, kennt aber das Orchester nicht.

Na ja, das kenne ich aber. Frou-Frou (im Original von Henri Chatau komponiert) ist einer der schönsten Valses, auch wenn er nicht in Argentinien komponiert wurde. Die einzige Aufnahme die ich in meiner Datenbank habe ist von Enrique Rodriguez und Roberto („El Chato“) Flores aus 1939 (die in Todotango ausgewiesene Aufnahme von Libertad Lamarque mit dem Orquesta Mario Murano aus 1938 habe ich leider nicht, es gibt sie aber auf YouTube zu hören). Über die richtige Schreibweise kann man sich nun streiten. Wo der Name herkommt ist nicht ganz sicher, es steht wohl lautmalerisch für das Rascheln der Damenunterbekleidung um 1900 herum (siehe: https://www.duden.de/rechtschreibung/Froufrou). Nur humoristisch sei noch bemerkt, dass der Titel nichts mit dem österreichischen Milchprodukt zu tun hat: https://de.wikipedia.org/wiki/Fru_Fru

 

Zwei Klicks zeigen mir eine passende Tanda in meiner Datenbank, die dann zur großen Freude des Gastes als nächste Vals Tanda eingefügt wird. Nebenbei bemerkt, die restlichen Tänzer haben hierunter nicht gelitten und ich habe wieder zwei Evergreens untergebracht. Hier noch ein Ausschnitt aus meiner Tanda-Datenbank in der Kategorie „Rodriguez/Vals“.

Nur interessehalber hier dann doch die Version von Libertad Lamarque im Originalvideo von 1939:

 

B – Ein Gast fragt nach „Chique“

Oh, das ist einfach – dachte ich mir. Von dem Tango von Ricardo Brignolo (komponiert bereits 1920) gibt es bestimmt eine zweistellige Zahl von Interpretationen, meine Lieblingsversion ist die von Daniel Binelli. Leider war diese Hoffnung trügerisch. Gefragt wurde nach dem Orchester Fulvio Salamanca.

Oh je, das Orchester ist Post-EDO und wird nicht soo häufig gespielt. Ich habe genau zwei CDs von Salamanca in meiner Datenbank und glücklicherweise ist Chique dabei. Der Gast hat mir auch das Musikstück identifiziert sodass Identifikation und Verifikation abgeschlossen sind. Das Stück hat einen gut tanzbaren Rhythmus, lediglich das Bass-Solo etwa in der Mitte ist für die Tango-Ohren gewöhnungsbedürftig. Meine Klassifikation neigt eher zu Soft-Rhythmisch. Leider ist dieses Stück nicht in meiner Tanda-Datenbank enthalten (da ist eigentlich gar keine Salamanca Tanda drin gewesen), sodass wir hier wohl eine Tanda konstruieren müssen. Also gilt es nun, das Material von Salamanca zu sichten und eine provisorische Tanda zu konstruieren. Beim schnellen Scan fällt mir zunächst der Titel „Bonboncito“ auf, der zum einfach gestrickten Chique gut zu passen scheint. Er ist aber ein Vokaltitel mit Amando Guerrico als Sänger, während Chique rein instrumental ist. Nichtsdestotrotz behalte ich mir zunächst vor, eine gemischte Tanda zu produzieren. Andere Titel sind „El Taita“ und „Gallo Ciego“ obgleich letzterer einen leicht dramatischen Einschlag hat. Nach check meiner Playlist stelle ich fest, dass er in keiner anderen Tanda vorkommt (ist halt ein Evergreen) und entscheide mich ihn als letztes Stück der Tanda aufzunehmen, um in der nächsten Tanda dann ins Dramatische zu wechseln.

Welche Regeln hab ich also hierbei gebeugt? Zunächst einmal die Regel entweder eine instrumentelle oder eine gesungene Tanda durchgängig zu konstruieren. Ein konservativer DJ hätte vermutlich auch Gallo ciego nicht in die Tanda eingebaut. Alternativ hatte ich kurz über Alma en pena nachgedacht, das hat mir aber als Duo mit anderen Sängern noch weniger gefallen, also ist die hier gezeigte Tanda sicherlich ein Kompromiss. Problematisch wäre es jedenfalls auch mit sehr dramatischen Stücken wie z.B. „Adios Corazon“ oder sehr romantischen Titeln wie z.B. „Vuelve amor“, die würden zu dem eher konservativen „Chique“ gar nicht passen. Nota bene: Wie wäre es mit einer hyperromantischen Tanda von Salamanca für eine der zukünftigen Milongas?

Das ist also die entstandene Tanda. Sie kam gut an (man hat getanzt, niemand hat sich beschwert) und steht jetzt so in meiner Tanda-Datenbank.

 

 

 

 

Abschliessend sei gesagt, dass ich Publikumswünsche sehr gerne erfülle, denn dann fühle ich dass ich wirklich ein DJ bin und nicht nur die Playlist schubse.

Saludos,

 

-Richard (DJ Ricardo)

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