The educated Tanguero

Essential Tango Knowledge

De mi Barrio

| Keine Kommentare

Im heutigen Artikel geht es um einen eher alten Tango, der aber meiner Meinung nach beispielhaft die Tragik des Schicksals beklagt, daraus aber ein wundervolles Bekenntnis zum Tango abgibt.

Der Titel „De mi Barrio“ wurde 1923 von Roberto Goyheneche geschrieben. Hier ist es wichtig dass der Name mit h geschrieben wird und nicht mit dem berühmten Tango Sänger Roberto Goyeneche (El Polaco) verwechselt wird, der erst 1926 geboren wurde [1]. Roberto Emilio Goyheneche lebte von 1898 bis 1925.  Geboren in Buenos Aires studierte er Klavier und spielte im Orchester von Juan Carlos Bazan, später als Pianist von Eduardo Arolas und bis 1922 im Orchester von Roberto Firpo. Sein erstes eigenes Orchester folgte, unter anderem mit dem Bandoneonisten Pedro Laurenz. [2]

Die Komposition von „De mi Barrio“ 1923 erfolgte wahrscheinlich für Rosita Quiroga, die das Lied im Jahre 1924 erstmalig aufnahm. Weitere berühmte Sängerinnen wie Susanna Rinaldi und Isabel de Grana (zusammen mit Canaro) folgten und mittlerweile ist das Lied fest im Repertoire moderner Tango-Sängerinnen angekommen (einige Beispiele weiter unten). Der Text erzählt aus der Sicht einer Frau, was allerdings männliche Tango Sänger nicht davon abhielt, das Lied zu interpretieren (z.B. Alberto Castillo, Roberto Goyeneche („el polaco“) und Mario Alonso).

Neben diesen rein technischen Hintergrundinformationen finde ich persönlich den Text hochinteressant. Ich gestehe, dass ich meine rudimentären Spanisch Kenntnisse an diesem Text geschliffen habe, vielleicht, weil mich die Interpretation von mehreren modernen Sängerinnen neugierig gemacht hat. Hier also der Text [3]:

 

Yo de mi barrio era la piba más bonita,
en un colegio de monjas me eduqué
y aunque mis viejos no tenían mucha guita
con familias bacanas me traté.
Y por culpa de ese trato abacanado
ser niña bien fue mi única ilusión,
y olvidando por completo mi pasado,
a un magnate entregué mi corazón.

Por su porte y su trato distinguido
por las cosas que me mintió al oído,
no creí, que pudiese ser malvado
un muchacho tan correcto y educado.
Sin embargo, me indujo el mal hombre
con promesa de darme su nombre,
a dejar mi hogar abandonado
para ir a vivir a su lado.

Y es por eso que mi vida se desliza
entre el tango y el champagne del cabaret
mi dolor se confunde en mi sonrisa,
porque a reír mi dolor me acostumbré…
Y si encuentro algún otario que pretenda
por el oro mis amores conseguir,
yo lo dejo sin un cobre pa‘ que aprenda
y me paguen lo que aquel me hizo sufrir.

Hoy bailo el tango, soy milonguera
me llaman loca y ¿qué se yo?…
Soy flor de fango, una cualquiera
culpa del hombre que me engañó…
Entre las luces de mil colores
y la alegría del cabaret,
vendo caricias y vendo amores
para olvidar a aquel que se fue…

 

Hier die deutsche Übersetzung:

 

In meinem Viertel war ich das schönste Mädchen,
erzogen in einem Nonnenkonvent
und obwohl meine Eltern nicht viel Geld hatten
hatte ich Umgang mit hochstehenden Familien.
Und wegen diesem feinen Benehmen
war es meine einzige Illusion ein gutes Kind zu sein
und meine Herkunft komplett vergessend
habe ich einem Magnaten mein Herz geschenkt.

Wegen seinem Habitus und seinem vornehmen Benehmen,
wegen der Dinge die er in mein Ohr gelogen hat,
glaubte ich nicht, dass ein so korrekter und erzogener Mensch
schlecht sein könnte.
Dennoch hat mich der schlechte Mensch verführt
mit dem Versprechen mir seinen Namen zu geben
mein Zuhause zu verlassen
um an seiner Seite zu leben.

Und darum gleitet mein Leben
zwischen dem Tango und dem Champagner des Cabarets,
mein Schmerz ist verwirrt in meinem Lächeln
den ich habe mich daran gewöhnt meinen Schmerz zu lächeln.
Und wenn ich jemanden treffe der glaubt
für Gold meine Liebe zu bekommen
verlasse ich ihn ohne ein einziges Kupferstück damit er lernt
und mich bezahlt für was jener mich leiden liess.

Heute tanze ich Tango, ich bin Milonguera
sie nennen mich verrückt und „was weiss ich“?
Ich bin eine Blüte des Sumpfs, ein irgendjemand
wegen dem Mann der mich betrogen hat.
Unter den Lichtern in tausend Farben
und den Freuden des Cabarets
verkaufe ich Zärtlichkeiten und Liebe
um den zu vergessen der gegangen ist.

 

Man mag nun diskutieren können, ob die Protagonistin wegen der verlorenen Liebe nun zerbrochen ist und ihren Schmerz im Cabaret zu vergessen versucht, oder ob durch diesen Schicksalsschlag eine starke Frau entstanden ist, die sich aufrecht zu ihrem Leben als Milonguera bekennt und es den „schlechten“ Männern heimzahlt – ich persönlich glaube an letztere Interpretation – jedenfalls sehe ich im Refrain ein sehr bewegendes Bekenntnis zum Tango und zur Milonga.

 

Hier noch einige Interpretationen des Liedes:

Eine sehr frühe Version von Rosita Quiroga aus 1926

 

Eine spätere Aufnahme von Rosita Quiroga aus dem Jahr 1952

 

Die Version mit Isabel de Grana und Canaro mit deutlich mehr Drama

 

Hier die etwas weichere Version mit Fanny Navarro und Julio de Caro

 

Eine andere Version gesungen von Susana Rinaldi

Tango Sänger haben das populäre Lied auch gesungen, obwohl es wegen des Textes nicht so richtig passen will. Hier eine kleine Auswahl:

 

Zusammen mit Canaro singt hier Mario Alonso

 

Auch Alberto Castillo (mit Tanturi) hat das Lied aufgenommen.

 

Sind die frühen Versionen (z.B. mit Rosita Quiroga) noch sehr geprägt von einer Interpretation im Stile von Gardel, nutzen moderne Einspielungen mehr musikalische und emotionale Bandbreite. Da sehr viele moderne Tangosängerinnen das Lied im Repertoir haben, hier nur einige Beispiele. Beginnen wir zunächst mit meinem Favoriten:

 

Diese Version von Stella Milano wurde in 2002 herausgegeben.

 

 

Hier eine andere moderne Version mit Lidia Borda aus dem Jahr 2005

 

Eine weitere Interpretation von Mamba Mali mit brasilianischem Touch

Sehr schön ist auch die Version von Serena Wey (mit Estufa Caliente) aus 1997 (leider nicht auf Youtube).

 

Ganz zum Schluss noch die Instrumentalversionen

OTV mit einer sehr frühen Aufnahme aus 1927, eine Version die ich gerne für die Tanzfläche auflege.

Seltener zu hören ist eine Aufnahme von Osvaldo Fresedo aus 1925 (leider nicht auf Youtube)

 

Literatur

1              http://www.todotango.com/creadores/ficha/61/Roberto-Goyheneche

2              http://www.todotango.com/creadores/biografia/874/Roberto-Goyheneche/

3             http://www.todotango.com/musica/tema/2092/De-mi-barrio/

Schreibe einen Kommentar