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Essential Tango Knowledge

Tanzen auf Musik – im Showtanz?

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Viele Tänzer zeigen gerne ihr Können auf der Tanzfläche. Die guten Tänzer tun dies auf Turnieren, in Schautänzen oder auf Tanzveranstaltungen, die schlechteren Tänzer manchmal auch und trotzdem.

Ich komme auf dieses Thema, weil ich gestern versuchte einer befreundeten Dame – keine Tänzerin – zeigen wollte, dass Tango etwas anderes ist, als sich der normale Mensch außerhalb Lateinamerikas vorstellt. Also habe ich ein beliebiges (na ja, schon von einem der besseren Paare) Youtube Video zusammen mit ihr angesehen und erhielt sofort die Frage: “Ist das abgesprochen?”. Ich antwortete mit einem deutlichen: “Na Klar!”. Einige Gläser Malbec später begann ich ohne Absicht über diese Situation nachzugrübeln.

Paare die Show tanzen haben die Gelegenheit, über die Musikauswahl bereits den Stil ihres Tanzes zu bestimmen und ihre Choreografie auf die Musik und das Publikum abzustimmen. Bereits von einem meiner Tango Lehrer habe ich gelernt, wie man Choreografien auf die Musik entwickelt.

Selbst ein normaler Tango auf einer Milonga ist in gewisser Weise choreografiert. Ich denke hier an den letzten Takt der Musik, welcher in eine einfache geschlossene Endposition mündet oder in eine mehr oder weniger ausladende Pose (pose final) im Tango escenario. Darauf angesprochen meinte ein anderer Lehrer zu mir, man müsse hierfür halt die Struktur der Tangos verstehen. Ich begab mich daraufhin für über 10 Jahre auf die Suche nach einer gemeinsamen Struktur und musste mir dann von einem wirklich guten internationalen Lehrer anhören, dass es eine gemeinsame Struktur halt nicht gibt, sondern dass gute Milongueros die Stücke (100-200) einfach so oft gehört haben, dass sie den Schluss auswendig kennen und damit die letzten 2-3 Takte bereits vorplanen können.

Zurück zum Schautanzen. Bereits beim Standardtanzen habe ich von guten Trainern gelernt, dass man Choreografien auf die Musik aufbaut. Da auf Turnieren die Stücke nicht bekannt sind, nutzt man aus was sicher ist, dass Stücke nämlich üblicherweise in Phrasen von 2-4-8-16 Takten gespielt werden. Choreografien werden also auf diese Phrasen abgestimmt. Unter Tänzern wird hierbei schon immer diskutiert, ob man das den Aufwand wert ist, weil man doch auf einer Turnierfläche häufig gestört wird und man damit die Synchronisation verliert. Das passiert schon einmal so (zumal es auf der Wettkampffläche um Konkurrenz geht), aber wenn das geschieht steht man nicht schlechter da als andere Paare. Wenn man aber seinen Tanz phrasensynchron präsentieren konnte, hat man einen deutlichen Vorsprung in der Bewertung, weil man die Musik einfach besser vertanzt hat.

Zurück zum Tango. Tanzt ein Paar hier Show, was in Argentinien sowohl in den Milongas, als auch auf den Touristenveranstaltungen durchaus üblich ist, hat es die Wahl ob es eine Choreografie tanzt oder improvisiert. Nach meiner Beobachtung improvisieren nur die wirklich guten Tänzer, weitaus die meisten Paare wählen ein Musikstück und choreografieren hierzu eine Show, die mehr oder weniger gut auf die Musik zugeschnitten sein sollte. Bei diesem Ansatz erfolgt zunächst die Musikanalyse durch Auszählung der Takte pro Phrase, was hier nicht so einfach ist wie im europäischen Standardtanz weil die Phrasen und Zwischenspiele verschieden groß sein können. Dann werden die Phrasen klassifiziert und mit passenden Bewegungselementen auschoreografiert und einstudiert. Die hohe Kunst hier ist die Koordination von tänzerischen mit musikalischen Akzenten (z.B. einen Gancho auf eine einzelne Klaviernote).

Als Beispiel dient heute der Tango “El Puntazo” (der Stich / Hornstoß), komponiert von Alejandro Junnissi und zuerst eingespielt von Juan D´Arienzo im Jahre 1952. “El Puntazo” ist für meine Ohren ein faszinierendes Musikstück. Die Thematik ist banal simpel, das Contrecanto gefällig, die Kadenzen sind eher einfach – aber der Rhythmus ! Es scheint hier, dass das simple Hauptthema keine Bedeutung hat, sondern nur für den Zweck existiert damit der Komponist in Rhythmisierungen und Synkopen schwelgen kann. Man kann kaum ausmachen, ob der Tango so mit Absicht komponiert wurde oder ob D´Arienzo ihn in seinen unverwechselbaren Stil hineingezwungen hat. Ich vermute dass hier beides ein wenig zutrifft. Einzelne Elemente hört man auch bei anderen Kompositionen von Junnissi, der überigens Bandoneonist bei Pedro Maffia war. Die modernen Einspielungen richten sich auf jeden Fall alle nach der Version von D´Arienzo aus. Für die Musiker ist das hohe Tempo und die rhythmische Komplexität auf jeden Fall Schwerstarbeit.

Hier ist also Juan D´Arienzo:

 

 

Wie das aussieht, wenn ein modernes Orchester dieses Stück im Stil von D´Arienzo spielt, hier in diesem Video:

 

 

Ich möchte an dieser Stelle einmal Showauftritte auf “El Puntazo” vergleichen. Beginnen wir gleich mit den Schwergewichten: Sebastian Achaval (in 2005 Weltmeister im Tango Salon) und Roxana Suarez, seine Partnerin seit 2007 tanzen hier “El Puntazo” im Jahre 2010:

 

Zu sehen ist ein technisch perfekter Tango auf hohem Niveau. Begeistern kann man sich über die Geschwindigkeit der Ausführung. Schwer zu sagen ist jedoch, ob diese Performance choreografiert ist, die Dynamik bleibt fast einheitlich auf höchster Stufe und abgesehen von excellentem Tanz im Takt der Musik ist eine Verbindung zur Musik nicht wirklich sichtbar.

Ganz anders hier die Show von “Chicho” Frumboli und Juana Sepulveda mit deutlich anderem Tanzstil. Wie im vorhergehenden Beispiel extrem schnell getanzt, doch mit deutlich akzentuierteren Tempowechseln in unterschiedlichen Phrasen.  Die Show ist vermutlich choreografiert. Die Musik ist hier life von Solo Tango.

Etwas ruhiger hier Maja Petrovic und Marko Miljevic auf dem Festival “Tango Mi Amore” 2015 in Pisa:

Hier noch Paola Sanz und Facundo de la Cruz in 2014, getanzt in Los Angeles.

 

Ganz klar mein Favorit ist die die Show von Esref Tekinalp und Vanessa Gauch Arabacioglu. Hier getanzt 2014 in Istambul. Der Ansatz ist hier in der Choreografie Showelemente betont auf die passenden Momente der Musik zu setzen was einfache Rhythmisierungen, Showelemente wie abwechselnde hohe Kicks und Sprünge (z.B. bei 2:16) beinhaltet. Im Vergleich zu anderen Shows lag hier der Focus ganz klar auf der Musik, was mit einer Prise Humor publikumsgerecht umgesetzt wurde.

 

 

Ganz zum Schluss noch eine seltene Gelegenheit mehrere Tangolehrer bei einer Gruppenshow “El Puntazo” (Taipei, 2013) tanzen zu sehen. Ich denke man kann davon ausgehen, dass hier improvisiert wurde:

 

 

Fazit: Für mich ist es klar, dass bei Showauftritten der Vorteil (bekannte Musik, Choreografie) nicht aus der Hand gegeben werden kann und sollte. Insbesondere bei einem so faszinierenden und doch so schweren Tango, wie “El Puntazo”

Saludos,

 

-Richard

 

 

 

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